1980 Richard Schulz | Europa und Esperanto

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Richard Schulz | Europa und Esperanto

Vortrag, gehalten am 25.März 1980 vor der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden.

 

Schon allein die Tatsache, daß dieser Vertrag von Richard Schulz vor der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden gehalten werden konnte, bedeutet unseres Erachtens einen Durchbruch. Der Vortrag ist so bedeutungsvoll, daß wir ihn hier in vollem Wortlaut abdrucken.


Meine sehr verehrten Damen, meine sehr geehrten Herren, Europa und Esperanto! Erlauben Sie mir, Ihnen meine Verwunderung zum Ausdruck zu bringen darüber, daß die Gesellschaft für deutsche Sprache bereit ist, einem Esperantisten Gehör zu geben. Darin sehe ich ein beachtliches Zeichen von Aufgeschlossenheit, von Unvoreingenommenheit, zu dem ich Sie anerkennend beglückwünsche und für das ich dankbar bin. Dabei wissen Sie nicht, ja, die meisten unter Ihnen ahnen nicht einmal, daß Esperanto vielleicht die einzige Möglichkeit darstellt, unser Deutsch vor Zerfall und drohender völliger Auflösung zu bewahren. Es hieße ja wohl offene Türen einzurennen, wenn ich gerade vor Ihnen mich über die katastrophale Entwicklung, der unsere Muttersprache seit einigen Jahrzehnten ausgesetzt ist, auslassen würde. Darüber sind Sie gewiß bestens unterrichtet. Unser sogenanntes Hochdeutsch, dieses unvergleichliche Wunderwerk menschlichen Ausdruckvermögens, dessen Größe und Bedeutung den meisten unserer Mitbürger kaum bewußt sind, ist in Gefahr. Im Zuge nationalstaatlicher Entwicklung hat es sich seit etwa 1500 über die Kanzleien und als Auswirkung der Lutherbibel im Gefolge der Reformation als Amts- und Schriftsprache im deutschen Raum durchgesetzt. Unsere großen Schriftsteller der Vorklassik, der Klassik und der Nachklassik, Klopstock, Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin, Kleist, Grimm, Eichendorff, um nur einige wenige der bedeutenderen zu nennen, haben es auf eine Achtung gebietende Höhe gehoben. Unzählige große Geister haben es tradiert und fortentwickelt. Es gibt ihrer auch heute noch. Aber ihre Stimmen sind an den Rand gedrängt. Überschwemmung mit internationalem Wortgut, vornehmlich aus dem Englischen, verlogene und hochtrabende Werbetexte, pseudowissenschaftliche, mit nur halbverdauten Fremdwörtern durchsetzte Redeweise, die sich bemüht, äußerlich zu ersetzen, was ihr innerlich abgeht, sind an der Tagesordnung. Der Ausverkauf der deutschen Sprache hat bereits begonnen, und er wird weitergehen, vielleicht bis zum bitteren Ende, wenn es nicht gelingt, ihn in wohlüberlegter und überlegener Weise abzuwehren. Nicht durch schwächliche Verteidigungsmaßnahmen, nicht durch unzulängliches Flickwerk, nicht durch billige Linderungsmittelchen, nicht durch Kritik an einzelnen Erscheinungen!

Wenn in Berlin das neue Kongreßzentrum den Namen "Internationales Congress Centrum", abgekürzt, beachten Sie das bitte, "ICC", erhält, und man dabei Kongreß am Anfang statt mit K mit C und am Ende statt mit ß mit ss und Zentrum am Anfang mit C statt mit Z schreibt, so ist das einerseits ein Hohn auf die deutsche Rechtschreibung. Es ist aber auch andererseits eine dringend notwendige, durch moderne Weitläufigkeit erzwungene Internationalisierung, Europäisierung. Auf Flugplätzen, auf Bahnhöfen, an den Haltestellen von Straßen- und Untergrundbahnen, in großen Warenhäusern gibt es schon lange keine Auskunft mehr. Es gibt nur noch Information. Im letzten Herbst machte ich mit einer literarischen Gesellschaft, dem Kreis der Freunde Till Eulenspiegels, eine Busfahrt durch Flandern. Noch lebhaft empfinde ich in der Erinnerung, wie ich zusammenschreckte, als der Reiseleiter zum Abschluß einiger Erklärungen sagte, er werde später weitere Informationen geben. Das Wort Auskunft können wir getrost zu Grabe tragen. Es ist bereits verschieden, für junge Menschen allenfalls ein großväterliches Überbleibsel. In der Schweiz machte ich die überraschende Entdeckung, daß dieses Land, je nachdem, ob man das Rätoromanische mitrechnen will oder nicht, nicht drei- bis viersprachig, sondern vier- bis fünfsprachig ist. Auf dem Platz vor einem Bahnhof las ich: Shopping Centre, Hair Stylist, Parking, Change, Swiss Bank Corporation, Subway, Old Swiss House, Excursions. Der Blumenbinder nennt sich heute Florist und der internationale Dienst, den er anbietet, heißt Fleurop. Die 16. Lehrmittelmesse lief unter dem Namen "Didacta Eurodidac". Man fragt sich, was für eine Sprache das ist. In den Europäischen Gemeinschaften gibt es eine Aktiengesellschaft mit Namen "Societas Europaea". Die Zeitschrift einer Gesellschaft zur Überwindung von Sprachgrenzen trägt den Doppelnamen "europa dokumentaro" und "documentatio europaea". Wenn der Seemann im Hafen ankommt, steuert er ins Eros-Centre. Die Deutsche Bundesbahn hat besondere Wagen laufen, auf denen in Riesenbuchstaben "Quick-Pick" zu lesen steht. In manchen Städten gibt es ein Kino-Centre, ein Blumen-Centre und, das ist der Name einer Lebensmittelgroßhandlung, ein Compass Center. In einem deutschen Warenhaus erhielt ich einen Kassenzettel, auf dem außer der Abrechnung nur noch folgende Worte standen: Your receipt / Thank you.

Meine Damen und Herren, es wäre völlig aussichtslos, wollte man gegen diese Erscheinungen im einzelnen ankämpfen, noch dazu etwa im Namen der deutschen Sprache, für deren besondere Großartigkeit es bei allzu vielen unserer Mitbürger an Verständnis fehlt und für die bedenkenlose Geschäftsleute nicht einen Deut übrig haben. Es sind die Zeichen der Zeit. Sie richtig erkennen und deuten und diese wilde, ungeordnete Sprachvermischung in geregelte, wohlüberlegte Bahnen lenken, ist das Mittel der Wahl, aus dem Schlamassel, in das wir geraten sind, herauszukommen. Sie ist auch keineswegs eine nur auf unsere Bundesrepublik begrenzte Erscheinung. Sie macht sich allerdings bei uns als Folge der Besatzung in der Nachkriegszeit und des übertrieben ausgedehnten Englischunterrichts auf unseren Schulen besonders stark bemerkbar. Man könnte von German-English, von "Germenglisch" sprechen, was zwar ethymologisch nichts mit "mengen" zu tun hat, aber, so verstanden, den Tatbestand trefflich bezeichnet. Den Franzosen macht die gleiche Erscheinung zu schaffen. Sie sprechen vom "franglais" und versuchen seit 1977 ihr durch das Gesetz zur Reinhaltung der französischen Sprache zu begegnen. Ich bezweifle, daß sie auf die Dauer damit Erfolg haben werden, denn dieses Gesetz ist eine reaktionäre Maßnahme, und die Entwicklung wird darüber hinweggehen.

Der durch den beschleunigten Verkehr geschrumpfte Erdball erfordert eine entsprechend beschleunigte zwischenvölkische Verständigungsmöglichkeit. Ganz besonders dringlich aber ist diese Forderung auf unserem vielsprachigen und räumlich begrenzten Kontinent, am dringlichsten aber in dem Europa der Europäischen Gemeinschaften, das sich zur politischen Integration anschickt. Wir können nur dann wirkliche Europäer werden, wenn wir uns europäisch verständigen können, wenn zwischen uns und dem Engländer, zwischen uns und dem Franzosen, zwischen uns und dem Italiener und dem Niederländer, dem Dänen, dem Belgier, dem Luxemburger und dem Iren, und in absehbarer Zeit wohl auch dem Griechen, dem Spanier, dem Portugiesen und dem Türken keine Sprachschranken mehr bestehen. Das bedeutet, wir brauchen für den innereuropäischen Verkehr eine gemeinsame, allen in gleicher Weise zugängliche Hoch- und Amtssprache, die sie alle in ähnlicher Weise miteinander verbinden wird, wie das Hochdeutsch seit ein paar Jahrhunderten und zunehmend die deutschen Stämme miteinander verbindet. Genau so wenig, wie das Hochdeutsch die Lebenskraft der deutschen Mundarten hat antasten können, genau so wenig wird die künftige gemeinsame europäische Hochsprache die Lebenskraft der einzelnen Nationalsprachen antasten. So wie die fränkischen, bairisch-alemannischen und sächsischen Mundarten sich bis auf den heutigen Tag behaupten konnten, werden auch die modernen National sprachen weiterbestehen. Die großartige Sprachen- und Kulturpalette unseres alten Erdteiles ist ein viel zu kostbares Gut, als daß man sie leichtfertig zugrundegehen lassen dürfte. Die einzelnen Nationalsprachen werden vielmehr gerade im Schutze der gemeinsamen Hochsprache sich ihrer nationalen Eigenheit mehr als bisher bewußt werden. Und ich glaube, das gilt besonders für die am meisten gefährdete unter ihnen, nämlich für das Deutsche.

Wenn wir eine wirkliche europäische Union aufbauen wollen, die Bestand haben soll und nicht in der ersten beliebigen Krisensituation wieder auseinanderbricht, die nicht nur aus blutleeren Staatsverträgen und Abmachungen von Funktionären besteht, sondern getragen wird von einem allen Europabürgern gemeinsamen Bewußtsein, dann ist dazu die unerläßliche Voraussetzung eine gemeinsame Sprache. Bewußtsein nämlich vollzieht sich in der Sprache. Ohne eine gemeinsame Sprache gibt es kein gemeinsames Bewußtsein. Nicht darauf kommt es an, daß sich die Diplomaten der Europäischen Gemeinschaften miteinander verständigen können, daß Regierungsvertreter, in welcher Weise auch immer, in sprachlichen Kontakten stehen, sondern daß der einzelne europäische Bürger jederzeit unmittelbare sprachliche Verbindung mit jedem anderen Bürger der Gemeinschaften aufnehmen kann.

Viele unter Ihnen werden denken, das ist ja alles ganz schön und gut, das mag ja alles ganz richtig sein, und es ist ja auch kaum sehr neu, was Sie da sagen, Herr Schulz, aber Esperanto? Ausgerechnet Esperanto? Eine Kunstsprache? So eine tote, primitiv zusammengestoppelte, auf öde Gleichmacherei hinauslaufende Angelegenheit? Nein, alles, nur nicht das! Und bitte ohne mich! Ich werde diesen Einwand noch sehr eingehend behandeln, möchte aber zunächst einige Tatsachen anführen, wohlgemerkt: unbestreitbare Tatsachen, die Sie vielleicht doch etwas stutzig machen werden.

Am 26. Juli 1887 erschien in Warschau ein kleines unansehnliches Büchlein von knapp 40 Seiten eines Dr. Esperanto mit dem Titel "Internationale Sprache. Vorrede und vollständiges Lehrbuch". Es enthielt die 16 fundamentalen grammatischen Regeln, die der Sprache den unzerstörbaren Unterbau sichern, einige Textbeispieie in Poesie und Prosa und eine Liste von 917 Wortstämmen. Und aus diesem schmalen Büchlein entstand eine Bewegung, die seit 93 Jahren in zwar langsamer, aber doch zunehmend beschleunigter und unaufhaltsamer Ausdehnung begriffen ist. Ständig wächst auch ihre praktische Bedeutung. Ihre weitverstreuten Anhänger sind in einem Weltbund, der Universala Esperanto-Asocio, zusammengeschlossen. Er hat seinen Hauptsitz in Rotterdam und hat in diesem Jahr in New York in unmittelbarer Nachbarschaft des Gebäudes der Vereinten Nationen eine Zweigstelle eröffnet. Eine beachtliche Reihe von Rundfunkstationen senden regelmäßig, ein- oder zweimal wöchentlich, einige schon seit Jahrzehnten, in der Internationalen Sprache. Zu ihnen gehören Bern, Malta, Muritiba, Peking, Rom, Rio de Janeiro, Sabadell, Sofia, Sorocaba, Valencia, Warschau, Wien, Zagreb und andere. Erst kürzlich sind Lissabon und der Vatikan dazugekommen. Peking und Warschau senden sogar täglich dreimal eine halbe Stunde. Seitdem 1905 in Boulogne-sur-Mer etwa 700 Esperantisten zu dem denkwürdigen ersten internationalen Kongress zusammentraten und die Tauglichkeit ihrer Sprache unanfechtbar unter Beweis stellten und gleichsam wie ein Wunder erlebten, dergestalt daß ihnen in feierlichen Momenten Tränen der Rührung in die Augen traten, haben Jahr für Jahr, in nur durch die beiden Weltkriege unterbrochener Folge, Esperanto-Weltkongresse stattgefunden, der letzte im vorigen Jahr in Luzern. Der kommende - er wird der 65ste sein - wird in Stockholm vorbereitet. Die Teilnehmerzahl liegt bei etwa 2000 im Durchschnitt, hat aber in Ausnahmefällen schon fast 5000 erreicht, Wer einmal einen solchen Kongress mitgemacht hat, nimmt aus ihm zwei unerschütterliche Gewißheiten mit. Die eine ist, daß Esperanto eine lebende, ja,eine natürliche Sprache von unerhörter Geschmeidigkeit ist, und die andere, daß es die einzige wirklich sinnvolle, nicht utopische Lösung des Problems der menschlichen Vielsprachigkeit überhaupt darstellt. 1954 hat die UNESCO in der sogenannten Resolution von Montevideo anerkannt, daß die durch Esperanto erzielten Ergebnisse mit den Zielen und Idealen der UNESCO übereinstimmen. Seitdem bestehen zwischen ihr und dem Esperanto-Weltbund, der die größte nichtstaatliche Organisation überhaupt ist, beratende Beziehungen. 1959 hat die UNESCO Dr. Samenhof, den Begründer der Internationalen Sprache, als eine der großen Persönlichkeiten der Menschheit geehrt. Die UNESCO publiziert auch auf Esperanto, und ihr Generalsekretär, Amadou Mahtar M'Bow, hat 1977 an dem 62. Esperanto-Weltkongreß in Reykjavik auf Island teilgenommen und in einer Rede über das Recht auf Kommunikation seiner Anerkennung des Esperanto und der Esperantobewegung Ausdruck verliehen. Im Jahre 1966 hat der Esperanto-Weltbund der UNO eine Petition überreicht, in der sich 920 954 Einzelpersonen und 3843 Organisationen mit mehr als 71 Millionen Mitgliedern für die Einführung des Esperanto aussprachen. 1970 hat der österreichische Bundespräsident Franz Jonas den 55. Esperanto-Welt-Kongreß in Wien mit einer Ansprache eröffnet, in der er sagte: "Welchen Beweis für die Eignung des Esperanto benötigen die Zweifler noch? Nur die eigene Erfahrung statt eines dummen Vorurteiles!" Seit 1975 führt in Paderborn das Forschungs- und Entwicklungszentrum für objektivierte Lehr- und Lernverfahren nach dem sogenannten Paderborner Modell Sprachorientierungsunterricht in Grundschulen durch, bei dem als Orientierungssprache Esperanto verwendet wird. In Paderborn finden auch Jahr für Jahr internationale Werkstattgespräche von Sprachwissenschaftlern und Pädagogen statt, bei denen unter Ausschluß des Englischen, Esperanto neben Deutsch die Tagungssprache ist. In Namur (Belgien) halten Sprachkybernetiker Kongresse ab, bei denen Esperanto neben Englisch und Französisch gleichberechtigte Arbeitssprache ist. In Brüssel gibt es ein Esperanto Zentrum, das speziell die Abgeordneten und Institutionen der Europäischen Gemeinschaften mit Informationsmaterial versorgt. Schon lange spielt Esperanto eine beachtliche Rolle im internationalen Tourismus. Unübersehbar ist die Menge der Werbeprospekte, mit denen Verkehrsbüros in aller Welt um Besuch ihrer Länder und Städte werben. Unübersehbar auch ist mittlerweile die Esperantobuchproduktion. Sie übersteigt schon lange die Buchproduktion kleinerer Nationen. Die Bibel, der Koran, die Werke des verstorbenen chinesischen Präsidenten Mau Zedong liegen in hervorraqenden Übersetzungen vor. Kommunistische und buddhistische Schriften werden in großen Mengen an ihre Leser herangetragen. In Ungarn kann Esperanto wie jedes andere Fach an der Universität studiert werden, und die Schüler der weiterführenden Schulen können im Fremdsprachenunterricht zwischen Russisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Esperanto als gleichberechtigte Sprache wählen. Solche und ähnliche Tatsachen ließen sich noch und noch aneinanderreihen. Die Esperanto-Zeitschriften sind voll von innen.

In den Ländern der europäischen Gemeinschaften aber gibt es bis jetzt weder einen Universitätslehrstuhl, der sich der wissenschaftlichen Beobachtung und Erforschung des Phänomens Esperanto annimmt, noch eine Rundfunkstation, die die zugehörigen Esperanto sprechenden Europäer mit Nachrichten versorgt, sie im Sinne der Europa-Idee unterrichtet, die Europäer von morgen heranbildet. In unserer Bundesrepublik gibt es keine staatliche Stelle, die etwa im Sinne der Goethe-Institute, unter den Esperantisten in aller Welt Sympathiewerbung triebe und ihnen durch Esperanto deutsches Kulturgut vermittelte. Das ist ein schweres Versäumnis und könnte sich eines Tages bitter rächen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die stets bereit ist, einen von keiner Sachkenntnis getrübten Leserbrief, der gegen Esperanto argumentiert, zu veröffentlichen, vermeidet es hartnäckig, Lesermeinungen Raum zu geben, die für Esperanto eintreten. Ähnliches gilt von der Wochenzeitschrift DIE ZEIT, die als weitverbreitetes geistiges Brot unserer Gebildeten allwöchentlich eine Million Leser erreicht. Diese Tabuisierung des Esperanto kommt fast einer Sabotage der Freiheit demokratischer Meinungsbildung gleich. Die Europa-Union, von der man erwarten sollte, daß sie die Idee der Internationalen Sprache begeistert aufgriffe, hat sich, wenn ich es richtig sehe, auf künftige europäische Dreisprachigkeit unter Vorrangstellung des Französischen festgelegt und vermeidet Gespräche über dieses Thema. Otto von Habsburg schrieb mir "man möge endlich einmal die Programme in der Volksschule derart umändern, daß jedes Kind zumindest drei Sprachen lernen könne, ist das einmal erreicht, besteht durchaus die Möglichkeit, daß man sich so ziemlich europawelt verständige". Er scheint völlig zu übersehen, daß selbst auf den Sekundarschulen nach jahrelangem Unterricht nur ein Bruchteil unserer Schüler es im Englischen und Französischen zu bescheidener Konversationsfähigkeit bringt. Fast nirgendwo sonst stehen in unserer technisierten Welt Energieaufwand und Leistung in so klaffendem Mißverständnis wie beim Sprachenunterricht. Aufgeschlossener klingt es, wenn Franz Josef Strauß zu meinem Buch Europäische Hochsprache oder Sprachimperialismus schreibt: "Als überzeugter Europäer und leidenschaftlicher Philologe freue ich mich, daß Sie sich dieses Themas angenommen haben." Zu mehr aber langt es, und das ist durchaus verständlich, bei diesem vielbeschäftigten Manne auch nicht. Unsere Politiker haben andere Sorgen, und sie verfügen entweder bereits über die nötigen Sprachkenntnisse oder bedienen sich der Dolmetscher- und Übersetzerdienste, die ihnen ausgiebig zur Verfügung stehen und für die der Steuerzahler mit Millionenbeträgen aufkommt. Unsere Politiker werden nur dann zum Handeln zu bewegen sein, wenn der Druck von unten entsprechend stark wird. Unten aber wartet man geduldig, daß oben etwas geschehe. Das ist der Zirkel, an dem die Esperanto-Bewegung seit Anbeginn krankt und der ihre Entwicklung so schwerfällig macht. Andererseits ist die Tatsache, daß die Bewegung trotz solcher widrigen Umstände unaufhaltsam an Boden gewinnt, ein Beweis für die Richtigkeit und Wirksamkeit der Idee. Jede große Idee, die einmal in die Geistessphäre der Erde eingetreten ist, läßt sich nicht mehr daraus entfernen. Das haben im Falle des Esperanto nicht einmal Hitler und Stalin fertig gebracht. Die Esperantisten sind von ihnen auf das erbittertste verfolgt worden. Tausende von ihnen sind in den nationalsozialistischen oder kommunistischen Konzentrationslagern umgekommen. Der als jüdisch-bolschewistisch oder als kapitalistisch-imperialistisch verfemte Esperantismus hat sich von den schweren Schlägen, die ihm die selbstherrlichen Diktatoren versetzt haben, langsam wieder erholt und steht heute gefestigter da als je zuvor. Man möge auch nicht übersehen, daß sich Esperanto insofern bereits durchgesetzt hat, als sich kein anderes Sprachenprojekt mehr neben ihm behaupten kann. Nach dem Mißerfolg des Volapük, nach dem Schisma der Idobewegung und den eine Zeitlang konkurrierenden Plansprachen Interlingua, Occidental, Novial, Intal, Interglossa u.a. und nach den Versuchen mit den Basic-Sprachen steht Esperanto heute konkurrenzlos da. Die Geschichte hat ihr Urteil gefällt. Keine noch so einflußreiche internationale Organisation könnte heute das Risiko auf sich nehmen und sich für ein anderes Plansprachenprojekt, sei es ein bereits veröffentlichtes oder ein neu zu entwerfendes, entscheiden. Um dieses gewaltige Experiment, an dem Tausende und abertausende Menschen mitgewirkt haben, mit einem anderen Projekt zu wiederholen, fehlt es an Zeit. Wir können nicht noch einmal 93 Jahre lang ausprobieren. Das Sprachenproblem ist eines der dringlichsten.

Ehe ich nun in den letzten Teil meines Referates eintrete und Ihnen einen Überblick über Wesen und Aufbau des Esperanto gebe, bitte ich Sie, einmal so kühl, so sachlich, so unvoreingenommen, als es nur irgend geht, alle Lösungsmöglichkeiten, die sich überhaupt anbieten, mit mir zu durchdenken.

In den neun Ländern der Europäischen Gemeinschaften sprechen rund ein Viertel der Menschen, genauer 24,8 %, Deutsch, etwas weniger - beachten Sie das bitte! - nämlich 24,4 %, Englisch, 21,2 % Italienisch, erst dann folgt mit 20,5 % Französisch und schließlich mit 6,9 % Niederländisch, mit 2 % Dänisch und mit 0,2 % Irisch. Keine der sieben Sprachen verfügt über eine solche Majorität, daß man erwarten könnte, die anderen würden vor ihr zurücktreten. Vielleicht hat es Sie überrascht, daß Deutsch hier an erster Stelle steht. Niemand unter Ihnen würde wohl daraus die Erwartung ableiten, daß deshalb Deutsch die allgemein verbindliche europäische Amtssprache werden müßte. Merkwürdigerweise finden sich aber bei uns Menschen, die ohne weiteres bereit sind, diese Rolle dem Englischen zuzuschieben. Wir wollen aber diese Möglichkeit, sich auf eine der sieben Partnersprachen als Einheitssprache zu einigen, vermerken. Unser Bundeskanzler Helmut Schmidt und der französische Präsident Giscard d'Estaing halten es so. Sie führen ihre Gespräche auf Englisch. Trotzdem ist dieser Weg aus Gründen politischer Rivalität nicht gangbar. Er brächte auch die Gefahr mit sich, daß dann die Vertreter dieser Sprache versuchen würden, sie anstelle der bisherigen Nationalsprachen durchzusetzen. Ein eindrucksvolles historisches Beispiel dafür ist das römische Imperium, dessen sprachlicher Einfluß noch in unserer Gegenwart lebendig ist und bis ins Esperanto hinein fortwirkt. Es ist ebenso denkbar, daß das Englische durch vorausgehende sprachliche Durchdringung unabsehbare politische und machtpolitische Folgen auslöst, als auch, daß militärische Eroberung die Sprache eines neuen Herrenvolkes durchsetzt, was uns mit Russisch blühen könnte, falls uns die russischen Panzer überrollten. In beiden Fällen könnte man von einer imperialistischen Lösung der Sprachenfrage sprechen.

Nun läßt sich die Idee einer einheitlichen Ersatzsprache aber auch verwirklichen unter Vermeidung der imperialistischen Gefahr. Drei verschiedene Wege würden die erforderliche Neutralität garantieren. Der erste bestünde darin, daß man sich auf eine Sprache einigt, die in keinem der gegenwärtigen oder künftigen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaften gesprochen wird, beispielsweise Arabisch oder Suaheli, so wie sich etwa die Inder, wenn auch notgedrungen, des Englischen bedienen. Aber gerade das Beispiel Indien zeigt, daß eine solche Lösung nicht populär ist, und so versucht man denn dort, das Englische durch Hindi als Vorrangsprache zurückzudrängen, was wiederum Aufgabe der Neutralität bedeutet. Zum zweiten wäre Neutralität auch dann garantiert, wollte man sich auf eine tote Nationalsprache, also etwa auf das Lateinische, einigen. Dafür gibt der Katholizismus ein Beispiel. Ein anderes Beispiel dafür wäre das moderne Hebräisch in Israel, das aus der Sprache des alten Testaments und dem in Kultus und Literatur tradierten Mischna-Hebräisch entwickelt wurde. Wie Sie sehen, sind diese Lösungen nicht nur denkbar, es gibt für sie auch Vorbilder. In der Tat gibt es genug Menschen, die von der Wiederbelebung des Lateinischen träumen. Sie rekrutieren sich verständlicherweise vornehmlich aus den Kreisen der Altphilologen und Theologen. Dagegen ist nicht einmal viel einzuwenden, wenn man dabei an eine Sprache nur für eine europäiscne Elite denkt. Das Lateinische hat seinen kulturellen Wert, um dessentwillen es wohl verdient, gepflegt und weitergegeben zu werden. Man möge sich aber nicht über die Rolle täuschen, die es im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein gespielt hat. Es war immer eine Sprache nur für Eliten, die neben den geistigen Voraussetzungen auch Zeit und Geld genug hatten, sich durch lange Jahre seinem Studium zu widmen. Es diente den Gebildeten auch nicht nur zur zwischenstaatlichen Verständigung, sondern zugleich auch zur Absonderung von der Plebs, immer behaftet, bis in unsere Tage hinein, mit einem Schuß Snobismus. Das Lateinische ist für unser demokratisches Zeitalter, für seine Verwendung als allgemeines Kommunikationsmittel zu umständlich, seine Erwerbung zu schwierig und zu zeitraubend. Es wurde auch als Sprache der breiteren Volksschichten ganz hoffnungslos verwahrlosen, genau wie seinerzeit im römischen Imperium, und erst ganz allmählich würde aus ihm in einem langwierigen Prozeß so etwas wie eine neue romanische Sprache erwachsen. Wollte man das Lateinische modernen Bedürfnissen nutzbar machen, müßte man es rationalisieren, seine Formenlehre von den Schlacken ihrer Unregelmäßigkeiten, ihrer Ausnahmen und ihrer Ausnahmen von den Ausnahmen befreien, seine synthetische Struktur weitgehend durch eine analytische ersetzen, sein Vokabular auf die Höhe moderner Anforderungen heben, seine Wortbildungslehre flexibler machen, kurz gesagt, man müßte es so verändern, daß etwas sehr Ähnliches, im Optimum vermutlich fast dasselbe dabei herauskäme wie Esperanto, dem Papst Pius XII. für die Zukunft eine ähnliche Rolle vorausgesagt hat, wie sie das Latein im Mittelalter spielte, und von dem Johannes XXIII. behauptete, es sei die Universalsprache unserer Zeit. Damit wären wir angelangt bei der dritten Möglichkeit einer neutralistischen Lösung des Sprachenproblems, nämlich die Einführung einer keiner Nation im besonderen zugehörigen Plansprache, und die könnte in der Tat nur Esperanto sein, da sie die einzige von mehr als einem halben Tausend Sprachprojekten ist, das zu anhaltendem Leben erwacht, zu einer lebendigen Sprache erwachsen ist und alle Konkurrenten übertrumpft und aus dem Felde geschlagen hat. Ob man dann Esperanto ersatzweise statt der Nationalsprachen überall verbindlich einführen würde oder sich damit begnügen würde, es als zusätzliche gemeinsame Zweitsprache in Gebrauch zu nehmen, die Neutralität jedenfalls bliebe in beiden Fällen gewahrt. Keiner der Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaften erhielte unverdient und womöglich kompensationslos einen gewaltigen Vorteil, der sich auf die Dauer zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Nachteil der anderen auswirken würde. Die verbindliche ersatzweise Einführung mit dem Ziel, die Nationalsprachen aufzuheben, ist aber eine aussichtslose Utopie. Diese Absicht wird den Esperantisten wohl gern von ihren Gegnern untergeschoben. Mag es auch Esperantisten gegeben haben oder noch geben, die solchen Gedanken nachhängen, man kann über sie getrost hinwegsehen. Genau das Gegenteil wird nämlich der Fall sein. Sprachen sind ungemein zählebig. Kein Mensch gibt freiwillig seine Sprache auf, denn Verlust der Sprache bedeutet Verlust der Identität. Esperanto wird die zahllosen bis jetzt einsprachigen Menschen überhaupt erst sprachbewußt machen und ihnen damit zu klareren Einsichten in ihre angestammte Sprache verhelfen. Nicht öde Gleichmacherei kann das Ziel sein, sondern die Bewahrung der Vielfalt im Schutze der übergeordneten Einheit.

Wir sind aber vorgeprescht und haben noch nicht erwähnt, daß es neben dem Sprachimperialismus und dem Sprachneutralismus noch andere Lösungsmöglichkeiten gibt. Man kann ja sehr wohl die eigene Sprache beibehalten und, wie das üblicherweise geschieht, beliebig fremde Sprachen lernen. Im Idealfall müßten dann in den Ländern der Europäischen Gemeinschaften alle Bürger Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Niederländisch, Dänisch und Irisch beherrschen und später vielleicht dazu noch Türkisch, Spanisch, Griechisch und Portugiesisch. Daß das nicht geht, liegt auf der Hand. In beschränktem Umfange wie in Irland mit Irisch und Englisch, wie in Belgien mit Flämisch, Wallonisch und Deutsch oder wie in Kanada mit Englisch und Französisch ist das noch möglich. Schon in der Schweiz zeigt sich, daß die Bürger mit Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch nicht mitziehen. Sie tun es nicht, weil sie es nicht können. Sie sind damit überfordert. Diese Art, mit dem Sprachenproblem fertig zu werden, ist ja gerade die konservative, die für moderne Verhältnisse einfach nicht mehr ausreicht. Zu viele Sprachen wollen beachtet werden. Auch das arbeitsteilige Sprachenlernen ist kein Ausweg. Was hilft es groß, wenn eine Gruppe Bundesbürger Irisch, eine andere Dänisch und eine dritte Niederländisch lernt, ganz abgesehen davon, daß nur in Ausnahmefällen jemand geneigt sein wird, sich um diese Sprachen zu bemühen. Man würde sich zu den großen Sprachen drängen, zu den sprachlichen Kraftprotzen, und die Verhältnisse würden kaum anders sein als jetzt auch. Diese Art der Mehrsprachigkeit benachteiligt nach wie vor die kleineren Nationen, wäre nur der Schrittmacher zum Sprachimperialismus oder bliebe bestenfalls stecken in einer Helvetisierung Europas, d.h. in Drei- bis Viersprachigkeit, behaftet mit allen ihren unerquicklichen Schwierigkeiten.

Neben Sprachimperialismus, Sprachneutralismus und Sprachhelvetismus gibt es nun noch, nein, gibt es künftig vielleicht noch den Sprachkybernetismus, von dessen Anfängen man seit einiger Zeit in der Presse lesen kann, nämlich die Sprachgrenzüberwindungmit Hilfe von Übersetzungsautomaten. Die bisher wohl entwickeltste Form ist der immerhin noch ein halbes Kilo schwere Taschencomputer, in den man eine Vokabel oder auch eine kurze Frage in der einen Sprache über eine alphabetische Tastatur eingibt und auf dem dann in einem Schriftfeld die Übersetzung in der anderen Sprache sichtbar wird. Dieser Apparat speichert 3000 Wörter und bringt Übersetzungen fertig, die etwa so aussehen: "Ich wollen Speisekarte" oder "Welche Zeit Zug abfahren?". Bei diesen primitiven Anfängen muß es ja nicht bleiben. Konsequent weiter gedacht, käme man etwa zu einem Apparat, in den man in der einen Sprache hineinspricht, ihn auf einen Gesprächspartner richtet, der dann in seiner Sprache die Übersetzung vernimmt. Der Angesprochene führt dann seinerseits mit seinem Apparat in der gleichen Weise die Unterhaltung weiter. Widersinnigerweise gibt es keine Sprache, die sich für diese Art automatischer Verwendung besser eignet, als gerade Esperanto. So ist es denn auch kein Wunder, daß in der kybernetischen Forschung die Versuche mit Esperanto eine hervorragende Rolle spielen. Wie vollkommen auch immer ein solcher Apparat, dessen Entwicklung wohl noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte benötigen wird, auch sein mag, er bleibt ein armseliger Notbehelf im Vergleich zu der Unterhaltung, die zwei Menschen, und gehörten sie auch so verschiedenen Kulturkreisen an wie etwa dem europäischen und dem asiatischen, miteinander selbst über die subtilsten Dinge führen können, wenn sie Esperanto beherrschen.

Die einzige wirkliche und nicht utopische Lösung des Problems der menschlichen Sprachenvielfalt ist Esperanto. Seine allgemeine Einführung ist auf die Dauer unvermeidlich und wird so gewiß erfolgen wie das Amen in der Kirche.

Ich werde oft gefragt, wie viele Eperantisten es auf der Welt gibt. Ehrlicherweise kann ich Ihnen darauf nur antworten: "Ich weiß es nicht." Wer ist überhaupt Esperantist? Schon derjenige, der für die Bewegung positives Interesse zeigt, oder nur derjenige, der die Sprache in Wort und Schrift befriedigend beherrscht, auch wenn er vielleicht keiner Esperanto-Gesellschaft angehört, oder auch derjenige, der zwar irgendwie als Esperantist organisiert ist, aber kaum mehr als "bonan tagon" zu sagen vermag? Wollte man die Zahl der Esperantisten in Prozenten der Weltbevölkerung ausdrücken, wären es vermutlich lächerlich wenige. Wenn Sie aber meinen persönlichen Eindruck erfahren wollen, so ist der, daß es erstaunlich viele sind! Je mehr ich in der Bewegung heimisch werde, um so überraschter bin ich über ständig neue Ausblicke, die sich auftun. Ich kann Ihnen aber trotz dieser vorbehaltlichen Bemerkungen mit Zahlen dienen. In einem Büchlein, das der vor zwei Jahrer verstorbene Dr. Mario Pei, Professor für romanische Philologie an der Columbia University, 1969 herausgab, fand ich die Angabe, es seien, je nach der Sprachbeherrschung einige Hunderttausende bis zu 15 Millionen. Ein anderer Gelehrter, Prof. Dr. Gyula Dexcsy von der Universität Hamburg sagt in seinem 1973 veröffentlichten grundlegenden Werk über "Die linguistische Struktur Europas" wörtlich: "Die soziale Basis des Esperanto ist keinesfalls schmal: schätzungsweise 10 bis 12 Millionen Menschen bedienen sich in Europa als Zweitsprache dieses künstlichen Idioms, das auch in Übersee eine bedeutende Anhängerschaft hat." Und in dem 1979 erschienenen 3.Band der vom Europa-Klub herausgegebenen Reihe "Entnationalisierte Wissenschaft" äußert sich der Kybernetiker Prof. Dr. Helmar Frank wie folgt:
"Die Planung, Entwicklung und gesellschaftliche Einpflanzung der Internacia Lingvo war hinsichtlich Dauer (fast 100 Jahre) und Zahl der Beteiligten (mehr als 20 Millionen) das größte wissenschaftliche Experiment in der Geschichte der Menschheit." Wenn die für Europa, gemeint ist hier das gesamte Europa vom Atlantik bis zum Ural, genannte Zahl von 10 bis 12 Millionen zutrifft, dann ergibt sich, selbst wenn wir bescheidenerweise von der unteren Grenze von 10 Millionen ausgehen, folgendes überraschendes Bild: Dann sprechen nämlich von den 62 in Europa gesprochenen Sprachen mehr Menschen Esperanto als Portugiesisch oder Tschechisch, Griechisch, Bulgarisch, Schwedisch, Weißrussisch, Dänisch, Finnisch, Tatarisch, Slovakisch, Türkisch, Norwegisch, Albanisch, Litauisch, Moldauisch, Slovenisch, Lettisch, Mordwinisch, Tschuwaschisch, Makedonisch, Bretonisch, Zigeunerisch, Baschkirisch, Estnisch, Baskisch, Irisch, Wotjakisch, Kymrisch, Jiddisch, Tscheremissisch, Syrjänisch, Luxemburgisch, Friesisch, Maltesisch, Armenisch, Isländisch, Kaschubisch, Sorbisch, Gagausisch, Kalmückisch, Schottisch-Gälisch, Romantsch, Färingisch, Ladino, Lappisch, Wepsisch, Jurakisch, Karaimisch, Livisch, Wotisch. Nur 12 Sprachen bleiben nach, deren Sprecherzahl die des Esperanto übertrifft. Wenn nun jemand sich entschließt, Portugiesisch, Schwedisch, Dänisch, Türkisch oder Norwegisch zu lernen, so fragt man wohl, warum tut er das, aber man hält ihn nicht für einen armen Narren. Aber gerade dazu neigen viele, wenn sie erfahren, daß jemand Esperanto lernt. Dabei kann man mit Esperanto schon heute sehr viel mehr anfangen als mit einer, der eben genannten Sprachen. Außerdem lernt es sich viel leichter. Im November vorigen Jahres veröffentlichte der brasilianische Gelehrte und Sprachmethodologe Prof. Sylla Chaves "Überlegungen zur Lernerleichterung im Fremdsprachenunterricht durch Vorausstellung der Internacia Lingvo". Damit ist Esperanto gemeint. Das Ergebnis, mit dem er aufwartet, ist überraschend. Derselbe Leistungsstand im Unterricht der ersten Fremdsprache, der nach 400 Unterrichtsstunden erreicht wird, wird bereits nach 280 Unterrichtsstunden erreicht, wenn zunächst die Internationale Sprache unterrichtet wird, für die nur 60 Stunden veranschlagt werden. So lernen die Schüler also in 60 + 280 = 340 Stunden zwei Sprachen statt nur einer in 400. Das ist deshalb möglich, weil Esperanto als didaktisches Fremdsprachenmodell den Schüler in übersichtlicher Weise in das Wesen von Sprache überhaupt einführt. Er findet sich hernach in jeder weiteren Sprache leichter zurecht.

Kehren wir jetzt zu unseren engeren europäischen Verhältnissen zurück. Die historisch und politisch dringlichste Aufgabe für uns Europäer, die wir den Ländern der europäischen Gemeinschaften angehören, ist die Schaffung einer gemeinsamen Zweitsprache neben Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Niederländisch, Dänisch und Irisch. Diese sieben Sprachen sind seit unvordenklichen Zeiten miteinander verwandt. Sie gehören dem großen indo-europäischen Sprachstamm an, und innerhalb seiner den Zweigen der germanischen, romanischen und keltischen Sprachen. Deutsch, Englisch, Niederländisch und Dänisch sind germanische, Französisch und Italienisch romanische Sprachen. Das Irische ist innerhalb unserer Gruppe der einzige Vertreter der keltischen Sprachen. Seine Gemeinsamkeiten mit den anderen genannten Sprachen sind weniger sinnfällig, aber vorhanden sind sie durchaus. Da Esperanto aus den indo-germanischen Sprachen entwickelt wurde, bietet es sich als geradezu maßgeschneiderter Kompromiß für die Europäischen Gemeinschaften an. Es verfügt unter den lebenden Sprachen allein über die unbedingt notwendige Neutralität. Mit ihr verbindet es infolge seiner optimalen Rationalisierung, die alle nicht zur Verständigung erforderlichen Unregelmäßigkeiten vermeidet, ein Höchstmaß an leichter Erlernbarkeit und ist zudem unserem kybernetischen Zeitalter, den Zwecken der automatischen Nachrichten-Übermittlung und Datenverarbeitung, besser angepaßt als jede andere Sprache.

Hören Sie sich bitte einmal folgende, zwar alphabetisch geordnete, aber doch ziemlich wahllos zusammengestellte Wortliste an:

absolut, Album, Alkohol, Annonce, Apotheke, Appetit, Artikel, Autobus, Automobil, Balkon, Beefsteak, Bouillon, Courage, Dentist, Dessert, Diplomat, Direktor, Disput, Doktor, Echo, egal, elegant, Element, Etage, Examen, existieren, Fabrik, Figur, Film, Formular, Garantie, Grammatik, Hospital, Hotel, Idealismus, Idee, Instrument, intelligent, interessant, international, Juwel, Kamerad, Katalog, Klub, Kollege, komplett, Kompott, Kongreß, Konversation, korrespondieren, Korridor, Kotelett, Krawatte, Kritik, Lektion, Manuskript, Material, Medikament, Medizin, Melodie, Mineral, minus, Minute, Möbel, Modell, modern, Moment, Monat, neutral, Novelle, Offizier, Oper, Orchester, Paket, Paragraph, Patient, perfekt, plus, Polizist, Professor, Profit, Propaganda, Pudding, Radio, Realist, Redakteur, Reklame, Respekt, Restaurant, Rezept, Roman, Salat, Sofa, solide, spezial, Spezialist, Student, Tabelle, Tabak, Tapete, Telefon, Telegraf, telegrafieren, Telegramm, Terrasse, Text, Theater, Thermometer, Transport, Trottoir, Universität, Vanille, Veranda, Zigarette, Zigarre.

Alle diese Worte finden sich in mehr oder weniger ähnlicher Form in den andern sechs Sprachen auch. Ihrer gibt es etliche Tausend. Statt nun zu lernen, daß beispielsweise April englisch April, dänisch und niederländisch fast wie im Deutschen april, italienisch aprile, französisch avril und irisch aibreaxn heißt, einigt man sich auf eine allseits verbindliche Form.

Ich gebe Ihnen die gleiche Wortliste wie eben nun auf Esperanto:

absoluta, albumo, alkoholo, anonco, apoteko, apetito, artikolo, aŭtobuso, aŭtomobilo, balkono, bifsteko, buljano, kuraĝo, dentisto, deserto, diplomato, direktoro, disputo, doktoro, eĥo, egala, eleganta, elemento, etaĝo, ekzameno, ekzisti, fabriko, figuro, filmo, formularo, garantio, gramatiko, hospitalo, hotelo, idealismo, ideo, instrumento, inteligenta, interesanta, internacia, juvelo, kamarado, katalogo, klubo, kolego, kompleta, kompoto, kongreso, konversacio, korespondi, koridoro, kotleto, kravato, kritiko, lekciono, manuskripto, materialo, medikamento, medicino, melodio, mineralo, minus, minuto, mebloj, modelo, moderna, momento, monato, neŭtrala, novelo, oficiro, opero, orkestro, paketo, paragrafo, paciento, perfekta, plus, policisto, profesoro, profito, propagando, pudingo, radio, realisto, redaktoro, reklamo, respekto, restoracio, recepto, romano, salato, sofo, solida, speciala, specialisto, studento, tabelo, tabako, tapeto, telefono, telegrafo, telegrafi, telegramo, teraso, teksto, teatro, termometro, transporto, trotuaro, universitato, vanilo, verando, cigaredo, cigaro.

Ihnen ist gewiß aufgefallen, daß fast alte diese Wörter auf -o endigen, einige auf -a. Diese beiden Endungen kennzeichnen die ersteren als Hauptwörter, die letzteren als Eigenschaftswörter. Diese äußere Kennzeichnung trägt viel zu der leichten Verständlichkeit der Sprache und ihrem, dem Italienischen angenäherten Wohlklang bei. Zwei weitere solche Kennmarken sind die Endungen -e für abgeleitete Umstandswörter und -i für die Nennformen der Zeitwörter. Wenn wir also die Vokabel telefono für Fernsprecher kennen, können wir ohne weiteres daraus telefoni = telefonieren ableiten. Wir können uns mit jemandem telefone, d.h. telefonisch, in Verbindung setzen und dazu die im Telefonbuch, nämlich im telefona registro stehende telefona numero nachschlagen. Vielleicht haben Sie auch bemerkt, daß alle genannten Wörter ausnahmslos auf der vorletzten Silbe betont werden. Was Sie allerdings nicht bemerken konnten, ist die genormte Rechtschreibung, die der Sprache zu einem unvergleichlich harmonischen Schriftbild verhilft.

Wenn man nun in unseren sieben Sprachen in dieser Weise alle Gemeinsamkeiten abschöpft und in wenige ausnahmefreie Regeln - es sind im wesentlichen nur sechzehn - bringt, dann bleibt sehr wenig nach, worin sie sich unterscheiden. Auf dieses Wenige muß man im innereuropäischen Gebrauch verzichten, sich im übrigen dem übergeordneten Rahmen einfügen, und schon haben wir die gemeinsame zweite Sprache, die europäische Hochsprache.

Freilich gilt es hier zu unterscheiden. Die Aneignung von Grammatik und grundlegendem Wortschatz ist in wenigen Stunden zu erreichen, ebenso die Lesefähigkeit unter Zuhilfenahme eines Wörterbuches. Die geläufige Anwendung im Sprechen erfordert allerdings eine längere Zeit der Einübung und pflegt nur da sich ohne besondere Mühe zu vollziehen, wo ein esperantosprachliches Milieu vorhanden ist. Das aber ist vorläufig noch die Ausnahme. Dennoch könnte Esperanto gleichsam über Nacht und ohne Schockwirkung eingeführt werden und sehr schnell Erleichterungen im zwischenstaatlichen Verkehr mit sich bringen. Das Paradebeispiel ist unsere eingangs beanstandete "Information". Jetzt stellen Sie sich einmal vor, es würde auf dem Verordnungswege veranlaßt, daß überall in der Öffentlichkeit das Wort "Information" zu ersetzen sei durch das Wort "Auskunft" und unbedingt daneben stehen müßte, empfehlenswerterweise in grüner Schrift, das entsprechende Esperantowort "informo". Hat das geklappt, werden alle Banken, Sparkassen, Wechselstuben, Post- und Eisenbahnschalter und sonstige Kassen veranlaßt, ein Plakat aufzuhängen mit dem einfachen Esperantozanlensystem. Da stehen die arabischen Ziffern mit ihren Esperantonamen: unu, du, tri, kvar, kvin, ses, sep, ok, naŭ, dek und daneben ein paar Beispiele, die die Anwendung zeigen, also z.B. 20 dudek, 30 tridek, 44 kvardek-kvar, 55 kvindek-kvin usw., 100 heißt cent, tausend heißt mil; 1980 wird gebildet wie tausend neunhundert acht zehn, nämlich achtmal zehn, also "mil naŭcent okdek". Schon diese wenigen Vokabeln brächten eine gewaltige Erleichterung im internationalen Zahlenverkehr mit sich.
Als nächstes etwa erschienen überall dort, wo bis jetzt "Eingang" und "Ausgang" zu lesen waren, daneben die Bezeichnungen "enirejo" und "elirejo". Kommt nun der deutsche Reisende, der das immer und immer wieder gelesen hat, nach Frankreich und liest dort "entrexe / enirejo", "sortie / elirejo" oder nach England und liest dort "entry / enirejo", "exit / elirejo", so wird er sich des in der Heimat Gesehenen erinnern und sich schnellstens zurechtfinden können. Und in dieser Weise wird weiter verfahren: zweisprachige Formulare bei der Post, nicht wie bisher Deutsch und Französisch, sondern Deutsch und Esperanto, zweisprachige Briefmarken "Deutsche Bundespost / Germana Federacia Poŝto", zweisprachige Pässe und Personalausweise, zweisprachige Fahrkarten. Speisekarten, Bedienungsanleitungen, Prospekte, Gebrauchsanweisungen, jeden Tag im Fernsehen ein paar Minuten Esperanto im Anschluß an die Nachrichten und dergleichen mehr. Man lernt die Sprache gleichsam durch ihre Anwendung. Sehr wichtig dabei ist, daß stets der deutsche und der europäische Ausdruck gemeinsam auftreten, um das Gefühl für das, was deutsch ist, stärker ins Bewußtsein zu heben und dabei doch die Sprachgrenzen zu überwinden. Es darf also nicht mehr "Internationales Congress Centrum" heißen, auch nicht nur auf Esperanto "Internacia Kongresa Centro", sondern an erster Stelle muß stehn "Zwischenstaatliche Begegnungsstätte" oder "Europäischer Treffpunkt" oder "Europäische Gesprächshalle". Der Sprachschöpfung sind keine Grenzen gesetzt. Das ist der ständige Hinweis zur Besinnung auf die eigene Sprache und zugleich der Weg, Ausländern den Besuch der Bundesrepublik angenehm zu machen. Diese allmähliche Einführung der Zweisprachigkeit in den öffentlichen Verkehr bei gleichzeitiger Verringerung des Fremdsprachenunterrichts um nur zwei oder drei Jahre zugunsten von Esperanto in den Schulen würde bewirken, daß Hunderttausende längst der Schule Entwachsene anfingen, freiwillig und ohne jeglichen Zwang, Esperanto zu lernen.

Gestatten Sie mir, noch eine Wortliste vorzulesen, nämlich die Stichwörter einer x-beliebigen, keineswegs besonders ausgewählten Seite aus dem Duden. Sie wissen, der Duden ist das Standardwerk der deutschen Rechtschreibung. Hören Sie bitte!

Kolosser, Kolosseum, Kolostralmilch, Kolotomie, Kolpak, Kolping, Kolpitis, Kolportage, Kölsch, Kolter, Kolumbarium, Kolumbianer, Kolumbine, kolumbisch, Kolumbus, Kolumne, Köm, Koma, Komantsche, Kombattant, Kombi, Kombüse, Komedo, Komet, Kömeterion, Komfort, Komik, Kominform, Komintern, komisch, Komitat, Komitee, Komitien, Komma, Kommandant, Kommanditär, Kommando, Kommassation, Kommemoration, kommen, Kommende, Kommensalismus, kommensurabel, Komment, Kommentar, Kommers.

Man fragt sich wirklich, ob das überhaupt noch ein deutsches Wörterbuch ist und nicht vielmehr ein Fremdwörterverzeichnis. Unser Deutsch ist ja längst bis zum Ausbluten internationalisiert. Was sperren wir uns eigentlich noch? Esperanto ist dazu berufen, diese große internationale Gemeinsamkeit sichtbar zu machen und gleichzeitig den Anstoß zu geben zur Besinnung auf unsere zweifellos vorhandenen eigenen Kulturwerte.

Lassen Sie es für heute bei diesen Ausblicken sein Bewenden haben. Ich habe Ihnen keinen akademischen Vortrag gehalten, eher so etwas wie eine Werberede. Aber seien Sie versichert, daß ich keineswegs den Mund zu voll genommen habe. Alle meine Ausführungen bleiben hinter der Wirklichkeit "Esperanto" zurück. Esperanto ist eine echte lebendige Sprache. Ich kann das nicht nachdrücklich genug betonen. Und es gibt ein weithin verstreutes echtes Esperanto-Volk, Wegbereiter einer erstaunlichen Zukunft.

Zum Abschluß will ich Ihnen noch an einem kleinen mittelhochdeutschen Lied zeigen, daß Esperanto auch zur Poesie geeignet ist. Der Dichter ist unbekannt, aber seine Verse sind Ihnen vermutlich schon irgendwann einmal begegnet:

 
Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist daz sluzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.



Das heißt sehr wörtlich und in schlichter Prosa auf Esperanto folgendermaßen:

 
Vi estas mia, mi estas via:
pri tio vi estu certa.
Vi estas enfermita
en mia koro,
perdita estas la ŝlosileto:
vi devas ankaŭ ĉiam esti en ĝi.


Und nun der Versuch einer dichterischen Nachgestaltung:

 
Vi estas mia kaj mi via,
tre certa ja afero tia.
Vi estas enfermita
en koro mia,
la ŝlosilet' perdita:
vi do eterne restos mia.


Meine sehr verehrten Damen und meine sehr geehrten Herren, machen Sie aus Ihrer Gesellschaft für deutsche Sprache eine Gesellschaft für deutsche Sprache und Esperanto! Ich glaube, Ihnen gezeigt zu haben, daß das nicht nur kein Widerspruch sondern fast ein dringliches Erfordernis ist. Ihre Gesellschaft würde sich dadurch innerlich bereichern, an Vitalität und Durchschlagskraft gewinnen und vermutlich namentlich auf junge Menschen vermehrte Anziehungskraft ausüben.

Mit dieser Empfehlung und mit herzlichem Dank entlaste ich Sie von Ihrer geduldigen und geneigten Aufmerksamkeit.


Herausgeber: BLEICHER VERLAGS-KG, Postfach 70, 7016 Gerlingen, Tel.(07156) 2 10 33
Zwei erfolgreiche Bücher von Richard Schulz zu diesem Thema:
Mein geliebtes Esperanto (2.Auflage) 216 Seiten, kartoniert. DM 14,80
Europäische Hochsprache oder Sprachimperialismus, 256 Seiten. DM 14,80
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Der hier angeführte BLEICHER-VERLAG exisitert nicht mehr.
Zur Geschichte: link Heinz M. Bleicher (wikipedia.org)
Auskünfte über den Autoren: link Richard Schulz (wikipedia.org)
Europa-Demokratie-Esperanto e.V. sieht sich als "inhaltlicher Nachfolger" des Textes. Der Vortrag hat eine Funktion als Diskussionsgrundlage. Trotz intensiver Recherche konnte kein aktueller Rechteinhaber gefunden werden. Wer Informationen dazu geben kann, soll dies gern tun.