Individuelle Gedanken - Detlev Blanke | GIL

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Dr. sc. phil. Detlev Blanke 30.05.1941-20.08.2016
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Detlev Peter Blanke war in den Esperantoorganisationen aktiv und gründete am 06.04.1991 die Gesellschaft für Interlinguistik. So befasste er sich unter anderem auch mit der Frage, wie weit Plansprachen in der europäischen Sprachenpolitik eine Rolle spielen und spielen sollten. Damit passt sein 2000 verfasster Beitrag zu unserer Spezialsammlung.


Plansprachen und europäische Sprachenpolitik

Ist die Sprachenpolitik in der EU 1. Ein Tabuthema? Es ist sicher ein Problem, daß einerseits die Sprachenvielfalt zu wahren ist und andererseits die Dominanz einer nationalen Sprache so groß ist. Dabei brauchen wir eine gute Kommunikation. Ja, wir haben ein Tabuthema, denn eine Lösung will von vielen Verantwortlichen nicht gesehen werden. Also passiert nichts, zumindest vorerst.


Esperanto zählt zu den 2. Plansprachen. Auch wenn "Bedenkenträger" gern von einer "Kunstsprache" reden. "Der interlinguistische Terminus für eine Sprache, die zur Erleichterung der internationalen Kommunikation geschaffen wurde, ist Plansprache. Er wurde erstmalig 1931 vom Begründer der Terminologiewissenschaft, Eugen Wüster, verwendet (Wüster 1931/1970), u.a. auch darum, weil die gebräuchlichen Bezeichnungen "Kunst sprache", (Welt)-Hilfs sprache, 'synthetische', 'konstruierte' Sprache u.ä. irreführende Vorstellungen assoziieren, ...." Plansprachen haben bestimmte Funktionen zu erfüllen. "Die Bemühungen um die Schaffung einer Plansprache werden vermutlich nie aufhören, u.a. auch darum nicht, weil bisher keiner Plansprache der von ihren Anhängern erhoffte Erfolg beschieden war und diese Tatsache von vielen - in Verkennung der politischen Ursachen - auf sprachliche Mängel zurückgeführt wird." Und darum geht es, um Macht. "Allerdings konnte sich nur das Esperanto (1887) in relevantem Masse vom Projekt zur in der Praxis funktionierenden Sprache mit zahlreichen Anwendungsbereichen entwickeln."

Sind 3. Plansprachen - uninteressant für die Linguistik? Ein Teil der Linguisten erwähnt Plansprachen und Esperantologie nicht oder kennt die Fakten nicht obwohl es doch ausreichend Fachliteratur gibt. Es scheint "ein gewisser Sprachdarwinismus zu herrschen". Die Funktion einer Plansprache wird nicht verstanden. "3.5 Und sicher nicht zuletzt gibt es auch eine Reihe nur psychologisch erklärbarer Vorbehalte und Vorstellungen gegen eine "künstliche" Sprache (Piron 1994)."

4. Eine Plansprache für Europa - in der Fachliteratur wird von mit der europäischen Sprachenpolitik befassten Linguisten ignoriert, höchstens erwähnt und ohne Begründung abgelehnt. Aber es gibt auch andere Meinungen, zum Beispiel daß es unter den politischen Bedingungen zu wenig Akzeptanz gibt, daß damit die Mehrsprachigkeit geschützt wird, sogar daß Esperanto demokratischer und effektiver wäre. (François Grin)

Wie stehen sich 5. Die Esperantisten und Europa gegenüber? Ein Europa in dem Esperanto breit genutzt wird, sollten doch alle Esperantofreunde wollen. Detlev Blanke unterscheidet zwischen drei Gruppen. 5.1.1Illusionen, daß einfach bei Einführung alle Probleme gelöst sind. 5.1.3 Die Einführung des Esperanto in Europa ist sowieso illusorisch. "5.1.2 Eine andere Gruppe weiss um die Schwierigkeiten und strebt eine sachliche Diskussion zuerst über Grundfragen der europäischen Kommunikation an und will erst dann den möglichen Platz des Esperanto bestimmen. ...." Europa-Demokratie-Esperanto gehört in der Tendenz eher nicht zu erster und letzter Gruppe. Wir sind uns durchaus aller vorgetragenen Schwierigkeiten (z.B. bei Fachsprachen) bewußt. Ein aktiverer aufgeschlossener Teil der Gesellschaft kann Defizite in relativ kurzer Zeit ausgleichen. Und es ist auch wahr, sobald man nicht nur das Problem anspricht sondern auch die dazugehörige Lösung, das "böse Wort" Esperanto in den Mund nimmt, wenden sich plötzlich manche der vorher noch an Europakommunikation Interessierten ab. Aber wie soll man mit diesem Unbehagen umgehen? Man kann nicht erst nur ein Problem für die gesamte Gesellschaft benennen und dann Jahre später mit einer Lösung kommen. Ja, das Problem ist zu nennen, aber dazu auch das nötige Werkzeug. Hält man etwas zurück, als müsse etwas verborgen bleiben, wird man unglaubwürdig. Das kommt nicht gut an. Wer möchte sich schon "erzieherisch heranführen" lassen. In der Werbung werden Bedürfnisse geweckt, ob ein Produkt nun wirklich gebraucht wird oder nicht. Unmittelbar danach wird eine Lösung genannt. Für unser "Produkt" besteht tatsächlich ein Bedarf, was den potentiellen Nutzern leider zu oft nicht klar ist. EDE hat das Wort Esperanto bereits im Namen. Wer aber Esperanto nicht im Namen sondern nur im Programm hat, wird in der heutigen Zeit solche Programmpunkte schnell wieder verlieren, sobald es nur noch um Wählerstimmen geht. In Detlev Blankes Text genannt werden noch sehr interessante Ansätze wie das "NEIGHBOUR-Projekt" (propädeutische Wirkung des Esperanto-Unterrichts) und das "RELAIS-Projekt" (Esperanto als Relaissprache beim Dolmetschen) .

6. Zwischen Multilingualismus und "lingua franca" befindet sich die Europäische Union mit ihren Praktiken und Fragen zu einer künftigen Sprachenpolitik.Versucht wird, die Ansätze zwischen Bewahrung der Vielsprachigkeit der EU und einer Eurosprache neben den Muttersprachen zu betrachten.
Unter 6.1 Multilingualismus wird die aktuelle schlecht funktionierende Situation gesehen. Es exisitieren mehrere Amtssprachen und Arbeitssprachen. In der Praxis solle es dann unterschiedliche Sprachennutzungen geben wie: unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse mit unterschiedlichen fremdsprachlichen Kompetenzen oder die rezeptive Mehrsprachigkeit bei der man in seiner Muttersprache antwortet oder Englisch nur als zweite Fremdsprache oder Nichtnutzung der eigenen Muttersprache (wie bei Esperanto) oder "Textstandardisierungen und den stärkeren Einsatz elektronischer Hilfsmittel" dezentral an den Nutzungsorten.
Eine Zweitsprache wird mit dem 6.2 Das "lingua franca"-Modell gefordert. Das würde zwischen den Beteiligten eine größere Gleichstellung bringen. "Das bedeutet für viele 'English only'. Die Forderung nach der Offizialisierung dieser gängigen Praxis wird oft nur verbrämt geäussert, da sie schliesslich Ausdruck einer sprach-imperialistischen Haltung ist." Allerdings zeigt die Wirtschaft diese Ansicht offener. Es werden aber auch neutrale Sprachen vorgeschlagen, Detlev Blanke nennt Latein und Esperanto.
6.3 Leitsprachen sollen einige wenige europäische Arbeitssprachen sein. Die anderen bleiben Amtssprachen. Englisch und Französisch sollen genutzt werden oder zusätzlich auch Deutsch oder zusätzlich auch Spanisch und Italienisch. Ein Ansatz ist die Verwendung von internen (Englisch, Französisch, Deutsch) und externen Arbeitssprachen (zusätzlich Spanisch und Russisch). Der vorgeschlagene "freie Wettbewerb der Kontaktsprachen" wäre natürlich sehr ungerecht. Doch auch die Idee Englisch und Französisch als Hauptleitsprachen plus Esperanto wird vorgebracht.
6.4 Relaissprachen vermitteln zwischen Originalsprache und den Muttersprachen, da der Dolmetsch-Aufwand im Europäischen Parlament recht hoch ist. Dabei wird besonders häufig Englisch genutzt. Ein Relaissprachenmodell sieht Englisch und Französisch vor. Das RELAIS-Projekt bevorzugt eine neutrale Plansprache. 
Seit mindestens einem Menschenleben glauben viele, man stünde kurz vor dem bewußten Rechner, der einfach alle Texte übersetzen kann. Standardaussagen können so sicher übertragen werden, tiefgehendere Texte brauchen aber den problembewußten verstehenden Menschen. Immerhin kann Esperanto geringfügig modifiziert sehr gut als Grundlage eines Übersetzungssystems eingesetzt werden.

Wie bedeutend sind 7. Sprachpolitische Konflikte? in der Welt und in der EU? "Will man zukünftige Konflikte in Europa vermeiden, so ist die demokratische Gestaltung einer europäischen Sprachenpolitik erforderlich, insbesondere im Rahmen der Europäischen Union." Selbst mögliche Bürgerkriege werden von Detlev Blanke angesprochen. Das ist nicht so abwegig. Bis heute ist es den Politikern nicht gelungen, die Ursachen für solche Feindseligkeiten zu sehen und zu bekämpfen. Noch ist es ein gewisser schon bröckelnder Wohlstand, der die Leute beruhigt. Sobald Sündenböcke gesucht werden, werden auch welche gefunden. Das sind dann die anderen, die man nicht versteht. Sprachenpolitik ist keine Nebensache, allerdings sind sehr viele Politiker sehr ratlos und verdrängen das Problem. Kein Wunder, daß schon in den 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts ein Bedarf an einer Europa-Demokratie-Esperanto-Partei bestand. Und diesmal wurde auch eine gegründet, anders als dann in den 30er Jahren des 20sten Jahrhunderts wieder einmal zu spät war. Vielleicht geht die Geschichte diesmal besser weiter.
2019090820190910SE


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Linkbündel

Detlev Blanke Plansprachen und europäische Sprachenpolitik 2000
1. Ein Tabuthema
2. Plansprachen
3. Plansprachen - uninteressant für die Linguistik?
4. Eine Plansprache für Europa - in der Fachliteratur
5. Die Esperantisten und Europa
6. Zwischen Multilingualismus und "lingua franca"
6.1 Multilingualismus
6.2 Das "lingua franca"-Modell
6.3 Leitsprachen
6.4 Relaissprachen
6.5 Maschinelle Übersetzung
7. Sprachpolitische Konflikte?
8. Literatur


Zuerst veröffentlicht in: Sprachenpolitik in Europa (Red.: Detlev Blanke), Interlinguistische Informationen (Berlin), Beiheft 6, Oktober 2001, S. 85-105; hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers; Druckfassung beziehbar über ihn: blanke.gil(at)snafu.de

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Die Neutralität einer politischen Partei: Sprachpolitik und Aktivismus für
Esperanto in den Wahlen zum Europäischen Parlament
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Beitrag Guilherme Fians Jahrbuch der Gesellschaft für Interlinguistik 2018